Stadtreparatur an der Ludwigsstraße? - Stadt opfert Plätze für Bauklotz

von Ingrid Pannhorst

Auch wenn die Bebauung entlang der Ludwigsstraße auf den ersten Blick nicht mehr der letzte Schrei ist, so stellt die Abfolge von Pavillons im Wechsel mit freien Plätzen vom Schillerplatz bis zum Höfchen ein lebendiges und in sich schlüssiges Gesamtkonzept dar. Die geringe Höhe weitet den Himmel und lässt freie Sicht zum Dom und westwärts hoch zum Kästrich. Die Fassaden der zurückliegenden höheren Gebäude liegen durchgängig etwa auf einer Flucht. Ein durchlässiges Quartier mit einer gewissen Kleinteiligkeit.

Doch seit wenigen Jahren sprechen die Verantwortlichen nur noch von einem Schandfleck, den es niederzureißen gilt, von ungepflegten Schmuddelplätzen, die angeblich niemand braucht, und deshalb am besten überbaut werden sollen. Ohne die Qualitäten des Vorhandenen zu erkennen, beschloss der Rat mehrheitlich, die Stadt muss mit einem Neubau an der Ludwigsstraße "repariert" werden, egal wie. Der Investor wird es schon richten. Auf dessen Druck hin ist man willig, dafür auch noch die Filetstücke an der Ludwigsstraße ohne Gegenleistung zu verscherbeln, üblicherweise zum Bodenrichtwert. Den Investor wird es freuen, mehrt es doch sein Vermögen.

Was soll daran Stadtreparatur sein, wenn man an einer beliebigen Stelle mit einer noch beliebigeren ungestalteten Baumasse in maximaler Ausdehnung die freien Plätze flutet? Es blieben immer noch einige Pavillons als Fragmente ohne jeden Bezug stehen. Ein Fassadenwettbewerb, wie ihn die Mehrheit des Stadtrats in seiner letzten Sitzung als Rettungsversuch beschlossen hat, wird solch eine Bausünde nicht kaschieren können. Auch dient der geplante Monolith ganz gewiss nicht als Vorlage für ein Gesamtkonzept für die Ludwigsstraße, um das sich die Stadtspitze bis jetzt gedrückt hat.

Neue Fassaden würden auch aus den vorhandenen Pavillons und dem immer noch gut funktionierenden Kaufhaus Schmuckstücke machen, die die Plätze dazwischen beleben. Beispiele gelungener Sanierungen von Nachkriegsbauten gibt es etliche. (z. B. Repeat-Flagshipstore in Frankfurt, unter:

https://herrmanns.wordpress.com/2012/10/24/umgang-mit-historischer-bausubstanz/

Die Pavillons mit ihren üppigen Schaufensterflächen brauchen im Wesentlichen einen attraktiven Einzelhandel, der dort Interessanteres zu präsentieren hat als eine Apotheke oder eine Bank. Auch ein Café würde die Flächen beleben. Kleinere Verkaufsflächen passten sich an ein verändertes Kaufverhalten (Onlinehandel) an.

Im Realisierungswettbewerb 1991/92 schätzte man noch die Baustruktur an der Südseite der Ludwigsstraße als "erhaltenswertes Zeugnis für einen städtebaulich qualitativen Wiederaufbau". 1996, im nächsten Wettbewerb, beschrieb der Auslobungstext noch als Ziel "Die Pavillonstrukturen des Bestandes sollten im Charakter dieses für Mainz signifikanten! Straßenzuges erkennbar bleiben."

In beiden Fällen stand weder die Planungshoheit der Stadt noch die Forderung, die Ludwigsstraße und den Gutenbergplatz als eine Einheit zu betrachten, zur Disposition. Die Ergebnisse der Wettbewerbe landeten in der Schublade.

Jetzt ist schwärmt die Stadtspitze vom großzügigen Boulevard und verdrängt, dass sich der Flaneur die Ludwigsstraße mit Bussen, Taxen, Fahrrädern und künftig vielleicht noch Straßenbahn und Elektroautos wird teilen müssen. Sie schert sich nicht darum, auf welchen Plätzen nach der "Stadtreparatur" gefeiert, in welchen grünen Oasen Luft geholt, unter welchen Schatten spendenden Bäumen mit Freunden beim Kaffee den Passanten hinterher geschaut werden kann. Sie vergibt die Chance eine Grüne Meile zu schaffen gegen die lähmende Sommerhitze in der Innenstadt. Auch so etwas könnte zum exklusiven Aushängeschild für die Stadt werden.

Wie lange würde bei Abriss und Neubau im Herzen von Mainz ein riesiges Loch klaffen und Besucher vom Zentrum fernhalten? Mindestens eine Fastnachtskampagne und mindestens ein Johannisfest müssten dran glauben. Von den Umsatzeinbrüchen der umliegenden Geschäfte ganz zu schweigen. Für Karstadt wäre dies das Aus! Eine Neugestaltung und Sanierung des Bestandes könnte etappenweise realisiert werden und wäre wohl mit Abstand die kostengünstigste, ressourcenschonendste Lösung und in vergleichsweise kurzem Zeitaufwand zu bewältigen.

Das Zentrum kann aber nicht nur vom Shopping leben, denn der anspruchsvolle Besucher, ob Mainzer oder Tourist, erwartet einen Ort mit individuellem Profil. Es braucht daher auch Kultur, auch eine sichtbare Präsenz der Mainzer Uni und einen Ort, an dem auch die Geschichte des Platzes erzählt werden kann, ein romantisches Café, das mehr bietet als das überall gleiche Angebot der Gastroketten. Dafür braucht es aber das Engagement von Verwaltung und Bürgerschaft. Auf der Agenda müssen stehen: Konzept, Leitlinien und Identitätsstiftung.

Die Mehrheit des Stadtrats nickte aber artig die Vorschläge der Investoren für eine größtmögliche Bebauung ab. Und wofür? Noch ein REWE, noch ein Drogeriemarkt, noch ein Klamottenladen. Klar, viel Schaufensterfläche braucht man dafür nicht.

Ingrid Pannhorst,
Architektin, Mainz


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